April 2020

Wortspielerei Epidemie — Pandemie

«Wie geht es dir? Alle gesund und munter?»

Eine Floskel, welche bis vor wenigen Wochen noch anstandshalber verwendet wurde, bekommt zu Zeiten der Corona-Krise eine ganz andere Bedeutung. Der Lockdown trifft uns alle schwer. Von einem Tag zum anderen wurden wir alle zu einem harten Volks-Marathon gezwungen, bei welchem wir maximal einen Kilometer pro Tag fortschreiten dürfen. Die Konsequenzen für die Schweizer Bevölkerung sind in allen Facetten enorm. Extrem hart trifft der Lockdown unter anderem die Gastronomen. Unzählige Restaurant- und Barbetreiber haben sich gezwungenermassen in den letzten Tagen und Wochen mit den Wörtern Epidemie und Pandemie dezidiert auseinandersetzen müssen. Als Mitinhaber der Restaurants Ah-Hua in der Stadt Zürich möchte ich an dieser Stelle gerne auf die Problematik der Wortspielerei Epidemie – Pandemie eingehen.

In der Schweiz kann man sich für beinahe jede erdenkliche Situation versichern lassen, damit finanzielle Konsequenzen bei einem Schadenfall überschaubar bleiben und man bei einem Schadenereignis finanziell nicht zu Grunde geht. So werden Krankenversicherung, Reiseversicherung und für jedes Auto sowie Wohneigentum Versicherungen abgeschlossen. Weitere bekannte Versicherungspolicen sind Haftpflicht, Hausrat und Rechtsschutz. Sogar Handyversicherungen gegen Fallschäden oder Diebstahl lassen sich heutzutage abschliessen. Vor Kurzem rückte in den Medien ein weiteres Versicherungsprodukt, welches meines Wissens ausschliesslich für Gastronomie- und Hotelleriebetriebe angeboten wird, ins Rampenlicht: die Epidemieversicherung.

Restaurant Ah-Hua, geschlossen aufgrund der Corona-Epidemie Restaurant Ah-Hua, geschlossen aufgrund der Corona-Epidemie

Auch ich hatte als Vorsorge eine solche Epidemieversicherung für unsere Restaurantbetriebe abgeschlossen, um das Unternehmen bei einem Epidemieereignis optimal gegen Ertragsausfälle zu wappnen.

Nun ist der höchst unwahrscheinliche Fall leider eingetreten: Die Epidemie in der Schweiz trifft uns alle mit voller Wucht. Einige Tage nach der Schadenanmeldung erhielt ich von einem Mitarbeiter aus der Schadenabteilung der Versicherung ein gleichermassen lapidares wie trockenes Ablehnungsschreiben. Das Ablehnen wurde damit begründet, die Corona-Epidemie sei von der WHO als Pandemie eingestuft worden, der Schadenfall sei deshalb nicht mehr versichert. Das Ablehnungsschreiben ist für mich deshalb inakzeptabel, da die Versicherungsgesellschaft mit Wortspielereien und Ambiguitäten «Epidemie – Pandemie» versucht, die Leistungspflicht in Abrede zu stellen.

Der Begriff Pandemie drückt aus, dass sich die Epidemie auch in anderen Ländern ausgebreitet hat. Für die Schweiz ist und bleibt COVID-19 eine Epidemie. Für die vom Lockdown betroffenen Betriebe ist es unerheblich, ob nur unser Land oder die ganze Welt von COVID-19 betroffen sind. Die wirtschaftlichen Folgen sind haargenau dieselben. Ich habe den Betrieb gegen eine nationale Ausbreitung einer Krankheit, gegen eine Epidemie, versichert. Die globale Ausbreitung spielt für unseren Betrieb keine Rolle, da wir nicht international tätig sind.

Es kann nicht sein, dass sich nun Juristen über den Unterschied zwischen Epidemie und Pandemie Gefechte liefern mit dem Ziel, den versicherten Schaden nicht bezahlen zu müssen. Meiner Meinung nach sollte nach Sinn und Zweck einer solchen Versicherung gehandelt werden. Im konkreten Fall geht es um den Ausgleich eines Schadens bei einer Epidemie aus Sicht der Schweiz und nicht aus globaler Sicht.

Unweigerlich kommt auch die Frage auf, für welchen Fall wir uns gegen eine Epidemie versichert haben, wenn ohnehin keine Schweiz-interne Sicht zur Anwendung kommt. Aus der Vergangenheit wissen wir, dass solche lokalen Epidemien praktisch immer in globale Pandemien münden. Die heutige Globalisierung trägt zudem dazu bei, dass eine landesübergreifende Verbreitung eines Krankheitserregers kaum zu verhindern ist. Für welchen Fall sollen wir Gastronomie- und Barbetreiber also eine Epidemieversicherung abschliessen, welche notabene mit gutem Grund nicht gerade günstig ist, wenn Epidemien wie COVID-19 nicht eingeschlossen sind?

Meines Wissens lassen zwei von vielen Versicherungsgesellschaften ihre Kunden in diesem Fall nicht im Stich. Es muss auf politischer Ebene dafür gesorgt werden, dass in Zukunft Ausschlusskriterien bei Versicherungsprodukten für jeden klar und unmissverständlich kommuniziert und beim Abschluss einer Police explizit mit einem Visum drauf hingewiesen werden. Versteckte und unklare Bedingungen müssen im Zweifelsfall zu Gunsten der Versicherungsnehmer beurteilt werden. Ich werde die Situation mit der Epidemie-Versicherung weiterhin genau beobachten.

Hoffen wir, dass der Bundesrat den Marathon nicht zu einem 100km-Marsch ausdehnen muss. Eines bin ich mir jedenfalls sicher: gemeinsam werden wir die Corona-Krise überwinden. Bis dahin wünsche ich allen viel Kraft, Geduld und eine extra Portion Gesundheit. Zu guter Letzt möchte ich allen, die sich an der Front für uns einsetzen, ganz herzlich danken.